Absolut faszinierend

Absolut faszinierend

Beschreibung Titelbild: Hier sitzt eines der Tiere direkt am Boden. Man beachte die im Verhältnis zum Körper wuchtigen Scheren.

Die thailändische Mikrokrabbe Limnopilos naiyanetri

Text & Fotos: UWE WERNER


Unter der Teilordnung der Krabben (Brachyura) gibt es eine Familie, die man als Hymenosomatiden (Falsche Spinnenkrabben) bezeichnet. Zu diesen gehört auch die Mikrokrabbe, die hier vorgestellt wird und eine der wenigen Arten ist, die in Süßwasser leben.

Alle Arten dieser Familie sind auffällig klein – die Männchen einer Art etwa gelten mit 1,7 Millimetern (!) Panzerbreite als erwachsen. Unsere Mikrokrabbe, deren Gattung noch monotypisch ist – es gibt also bislang nur diese eine Art – wird dagegen vergleichsweise groß, erreicht sie doch um 15 mm Panzerbreite.

Gern klettern die Limnopilos auf den Pflanzen herum.

Ich war erstaunt und fasziniert, als ich derart kleine Krabben im zoologischen Fachhandel entdeckte. Ich fand die Erstbeschreibung und las, dass der Gattungsname auf das Leben im Süßwasser und ihre Behaarung anspielt. Der Artname ehrt den Biologieprofessor Phaibul Naiyanetr von der Universität in Bangkok. Die Beschreibung ist für eine neue Gattung und Art recht kurz gehalten (ist aber eben auch eine vorläufige), nennt aber auffällige Merkmale, anhand derer man diese Winzlinge gut von anderen Krabben unterscheiden kann.

So besitzt zum Beispiel ihr Carapax (der Rückenpanzer) kein Rostrum, hat also keine vordere Zuspitzung, im Gegensatz zu anderen Mitgliedern dieser Familie. Außerdem ist er in besonderer Weise auffällig gefurcht und gerandet. Besonders ausgebildet sind auch die kurzen, aber breiten Scherenhände mit den ebenfalls kurzen Scherenfingern, die extrem stark mit Borsten (sogenannten Setae) bestückt sind. Der unbewegliche Finger hat vier Zähne und endet mit einer scharfen Schneide, der bewegliche Finger hat nur einen Zahn, der relativ weit hinten sitzt.

So sehen die vergleichsweise kleinen Mikrokrabben aus, wenn man sie von oben betrachtet. (Foto: Oliver Mengedoht)

Alle Unterleibssegmente sind frei beweglich. Die sehr langen und dünnen Beine sind nicht sehr dicht, aber dennoch fädig behaart. Sie haben je drei Gelenke und können bis zur Hälfte eingeklappt werden, sodass die Krabben dann „kurzbeiniger“ aussehen.

Leider sind die Krabben nicht auffällig gefärbt, sondern graugrün bis bräunlich oder beige und mehr oder weniger transparent. Das Material für die Beschreibung (insgesamt 60 Exemplare) stammt aus dem Mae Nam Tha Chin bei Nakhom Pathom, nordwestlich von Bangkok.


Aquariengestaltung und Futter

Diese Minikrabben verbringen ihren ganzen Lebenszyklus im Wasser, brauchen also keinen Landteil. Für ihre Pflege reichen schon Nanoaquarien mit einem Fassungsvermögen ab 10 l Wasser aus, dessen Werte (pH 6,2-7,5; 4-15 °dGH) weitgehend unerheblich sind, allerdings sollte man dem Wechselwasser einen Wasseraufbereiter zugeben. Beim Einsatz von Medikamenten ist Vorsicht geboten, denn insbesondere kupferhaltige Mittel können – wie auch bei anderen Krustern – zum Tod der Tierchen führen.

Blick auf die Unterseite eines Männchens. Das Ende des Schwanzstückes läuft v-förmig zu.

Blick unter den Körper eines Weibchens, das Eier trägt.

Auch die Pflegetemperatur ist zweitrangig, sie darf angeblich zwischen 20 und 30 °C betragen (24 bis 28 °C scheinen mir besser zu passen), jedoch scheinen sie in wärmerem Wasser aktiver zu sein. Im Übrigen gelten sie als hauptsächlich nachtaktiv und klettern zumeist zwischen Wurzeln von Schwimmpflanzen umher (in der Natur etwa von Wasserhyazinthen, die bei uns nicht mehr gehandelt werden dürfen) oder auch auf feinblättrigen Wasserpflanzen (im Aquarium bieten sich Hornkraut und Wasserpest an). Gern klettern sie auch auf Steinen und Holzwurzeln herum.

Diese drei Tiere halten sich an einer vertikalen Wurzelfläche fest. (Foto: Oliver Mengedoht)

Sie halten sich also eher selten am Boden auf. Dennoch scheint es angeraten, auch totes Laub ins Becken zu geben, das sich zum Verstecken eignet und in dem sich Mikroorganismen bilden, die sie als zusätzliche Nahrungsquelle nutzen können. Ihr Futter fangen sie ansonsten mit ihrer Behaarung auch im freien Wasser bzw. „filtern“ es heraus.

Sie sind Allesfresser und ernähren sich in Freiheit von Kleinstlebewesen und Detritus, aber auch Algen und kleine Schnecken fressen sie. Im Aquarium kann man pulverisierte Futtertabletten mit Spirulina-Anteil und feines handelsübliches Zierfischfutter mit pflanzlichen Bestandteilen verwenden. Auch feines Lebendfutter aus dem Gartenteich (Wasserflöhe) und Artemia-Nauplien sollen sie fressen. Letzteres kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

Von einem Filterschwamm „grast“ die Krabbe fressbare Partikel ab. Auf ihrem Rückenschild sitzt eine winzige Schnecke.

Auch dieses Exemplar sucht auf einem Filterschwamm nach Futterpartikeln.

Mikrokrabben gelten als äußerst friedlich und scheinen sich in der Gesellschaft von Artgenossen wohlzufühlen. Territoriales und aggressives Verhalten sind bislang nicht beobachtet worden, weswegen sie sich sehr friedlich untereinander verhalten. Ihren eigenen Nachwuchs sollen sie aber angeblich fressen. Mit anderen kleinen Aquarienmitbewohnern wie Zwerggarnelen und kleinen Fischen kann man sie jedoch vergesellschaften.


Fortpflanzung

Die Geschlechter sind nicht ganz leicht zu unterscheiden, doch werden die Weibchen etwas größer als die Männchen. Das unter den Hinterkörper der Tiere geklappte Schwanzstück, unter dem sich die eigentlichen Geschlechtsmerkmale verbergen, ist bei den Weibchen löffelförmig-breit, während es bei den Männchen schmaler ausläuft und v-förmig endet. Außerdem sind die Männchen insgesamt stärker behaart.

Dieses Tier frisst von einem abgestorbenen, welken Pflanzenteil.

Die Zucht im Aquarium ist aber wohl nicht möglich, obwohl die Weibchen nach der Begattung für ihre geringe Größe um 70 verhältnismäßig große Eier legen, so dass man annehmen könnte, dass diese eine direkte Entwicklung nehmen. Das ist aber leider wohl nicht der Fall.

Besonders gern hangeln sich die kleinen Burschen aber von einem Pflanzenstengel zum anderen.

Ein vorliegender „Zuchtbericht“ besagt nämlich, dass Larven, aber eben keine fertig entwickelten Krabbenbabys abgesetzt werden. Und ob diese Larven Futter annehmen und in Süßwasser – zumindest teilweise – aufgezogen werden können, wird nicht berichtet. Man kann aber in anderen Berichten lesen, dass solche Larven im Aquarium bisher noch nie aufgezogen werden konnten, sondern nach kurzer Zeit starben. Es ist davon auszugehen, dass sie eine „indirekte Entwicklung“ über diverse Larvenstadien in Brack- oder Meerwasser durchlaufen müssen, um sich zu „fertigen“ Krabben zu entwickeln.

Hier blicken wir in das „Gesicht“ einer solchen Minikrabbe. (Foto: Oliver Mengedoht)

Literatur:
Chuang, C. T. N. 􀎙 P. K. L. N􀂦 (1991): Preliminary descriptions of one new genus and three new species of hymenosomatid crabs from southeast Asia (Crustacea: Decapoda: Brachyura). Raffles Bull. Zool. 39 (2): 363368

Mengedoht, O. (2009): Thai microcrab, Limnopilos naiyanetri. Practical Fishkeeping Magazine 09.