Barclaya longifolia
Text & Fotos: ANDREAS PETITJEAN
Es gibt nicht viele Wasserpflanzen, die ich fast mein ganzes Aquarianerleben gepflegt
habe, aber eine davon ist Barclaya longifolia. Es handelt sich um ein Seerosengewächs, welches in zwei Farbvarianten in der Natur zu finden ist. Diese Pflanze zählt zu den echten Wasserpflanzen. Das heißt, sie ist auf das Leben im Wasser spezialisiert und kann nicht, wie viele andere Aquarienpflanzen, emers kultiviert werden. Bekannte Habitate gibt es in Myanmar (Birma), Südthailand, auf den Andamanen, in Vietnam, dem südlichen Hinterindien sowie in Indonesien und Papua-Neuguinea. In diesen Klimazonen herrschen das ganze Jahr tropische Lufttemperaturen von 25 °C bis 35 °C und auch das Wasser ist mit 25 °C bis 28 °C recht warm. Dadurch erklärt sich das Phänomen, dass meine Barclayas in den Sommermonaten bei mir besser wachsen als in den kühleren Monaten. Natürlich sind in unseren Wohnungen das ganze Jahr über beinahe tropische Temperaturen, aber in Kombination mit mehr natürlichem Licht lässt sich ein relativ natürliches Wachstumsprogramm beobachten.

Die Blätter bestechen durch ihre leichte, violette Färbung und das zarte Grün.
Vermehrung durch Selbstbestäubung
In der lichtreichen Zeit wird auch die Blütenbildung induziert. Mitunter schiebt eine große Pflanze bis zu fünf Blüten in kurzen Abständen. Für die Entwicklung und Reifung der Samen braucht sie mehrere Wochen, sodass häufig mehrere Blüten gleichzeitig sichtbar sind. Die Blüten sind nicht so spektakulär wie z. B. bei Nymphaea lotus und wachsen bei hohen Aquarien häufig auch nicht über die Wasseroberfläche hinaus. Das ist aber kein Problem, denn Barclaya sind kleistogam. Von Kleistogamie spricht man bei Pflanzen, wenn sie in der Lage sind, sich selbst zu bestäuben. Man braucht also keine Insekten oder andere Hilfsmittel, um aus einer Samenkapsel fertig entwickelte, und damit keimfähige Samen zu bekommen. Die Entwicklung der Samen geschieht geschützt im Verborgenen und ist an der Verdickung der Blüten zu erkennen. Nach zwei bis drei Wochen platzt die Samenkapsel auf und eine geleeartige, weiß-transparente Substanz tritt mit ungefähr 60 Samen hervor. Nun treiben die Samen, die an Senfkörner erinnern, an
der Wasseroberfläche und werden durch die Strömung verdriftet. Sie finden sich später an vielen Stellen im Aquarium wieder. Wenn die Samen einen guten Standort finden, keimen sie nach vier Wochen und lassen dann auch recht schnell kleine Wurzeln und Blätter erkennen.

Die Knospen werden bis an die Wasseroberfläche geschoben und durchstoßen diese nur leicht, oft gar nicht.
Eine andere Methode der Vermehrung ist die Teilung der Wurzeln. Genauer gesagt, bildet Barclaya longifolia Seitentriebe am Rhizom aus, die nach einiger Zeit als einzelne kleine Knollen auffallen. Ähnlich wie die Dahlien in unseren Gärten, kann man die Pflanze dann nach kräftigem Wuchs aus dem Bodensubstrat ziehen und die kleineren Tochterknollen abtrennen. Als Einzelpflanzen pikiert (einzeln gepflanzt), wachsen sie zügig weiter.
Wachstumssteuerung
Die Jungpflanzen brauchen je nach Standortbedingungen ein paar Monate, bis sie ihre volle Größe erreicht haben. Die recht dünnen, lanzettförmigen Blätter können eine Wuchshöhe von 30 cm erreichen. Sie selbst werden nicht breiter als 5 cm und sind, wenn man sie von der Seite betrachtet, leicht gewellt. Trotzdem kann die Pflanze eine stattliche Größe erreichen, was man bei der Standortwahl beachten sollte. Schön ist die Tatsache, dass diese Seerose keine Schwimmblätter ausbildet. Wenn der Wuchs bei einer guten Nährstoff- und CO₂-Versorgung allzu stark ist, gibt es zwei Methoden, die Seerose im Zaum zu halten. Wie bei vielen Solitärpflanzen (französisch „solitaire“ für „Einzelgänger“), kann man mithilfe eines Topfes die Ausbreitung des Wurzelwerkes einengen und so das Wachstum begrenzen. Die Nährstoffaufnahme wird durch den Topf behindert und man kann die Menge der verfügbaren Makro- und Mikroelemente über die Wassersäule steuern. Eine andere Methode zielt ganz banal auf das Entfernen der größten Blätter ab. Dabei sollte man allerdings behutsam vorgehen und immer nur so viele Blätter abschneiden, dass die Pflanze nicht zu stark geschwächt wird.

Die Blüte öffnet sich kurz über der Oberfläche.


In diesem Fall ist nicht die gesamte Blüte oberhalb der Wasseroberfläche.
Varianten in Rot und Grün
Von der Roten Barclaya spricht man, wenn sowohl die Blattoberseite als auch die Blattunterseite weinrot bis violett gefärbt ist. Die Grüne Barclaya ist auf der Blattoberseite grün und die Blattunterseite ist violett rötlich gefärbt.
Während die grüne Variante in Aquarien wuchsfreudiger ist, kann man die rote Variante leichter über Samen vermehren. In Fachliteratur und im Internet liest man häufig, dass die Pflanzen Schnecken anziehen sollen und von diesen durchlöchert werden. Das trifft in meinen Aquarien nicht zu. Trotz Posthorn-, Blasen-, Turmdeckel- und Tellerschnecken sind meine Pflanzen nicht angefressen. Im Gegenteil: Die Schnecken sind eifrig dabei, die Pflanzen zu putzen und düngen mit ihren Abbauprodukten das Wasser zusätzlich. Also ein klarer Pluspunkt für Schnecken im Aquarium. Natürlich sind sie schnell vor Ort, um abgestorbenes Blattgewebe zu fressen, aber gesunde und kräftige Blätter werden nicht beachtet.

Jungpflanzen wurzeln schnell an und bilden ein dichtes Wurzelgeflecht.
Wie kann man nun einen schönen, gesunden und kräftigen Wuchs erreichen? Dabei gilt es sechs Punkte zu beachten: 1. Die Strömung in einem Pflanzenaquarium ist sehr wichtig. Erst durch den Transport der Stoffe von und zur Pflanze kann eine optimale Versorgung gewährleistet werden. 2. Der pH-Wert sollte im Idealfall zwischen 6,2 und 6,8 liegen. Um diese Werte zu erreichen, ist es günstig eine niedrige Karbonathärte zwischen 3-5 °dH einzustellen. 3. Es müssen alle Makro- und Mikroelemente vorhanden sein. Das kann man durch regelmäßige Wasserwechsel und eine gezielte Düngung der fehlenden Nährstoffe erreichen. Die absolute Höhe der Nährstoffdichte ist dabei nicht so relevant, es kommt vielmehr auf die regelmäßige Gabe und das Verhältnis der Nährstoffe zueinander an. 4. Kohlenstoff ist für den Aufbau und die Funktionen der Pflanze sehr wichtig. In stark bepflanzten Aquarien entsteht schnell ein Mangel, aber bei wenig CO₂ passiert eigentlich erst einmal nichts. Die Prozesse verlaufen zwar langsamer, die Pflanze bleibt aber gesund. Trotzdem ist ausreichend CO₂ ein Garant für eine ausgewogene Versorgung der Pflanze. 5. Licht wird heutzutage meistens über effiziente LED-Leisten erzeugt und stellt in den seltensten Fällen noch ein Problem dar, besonders einfache Modelle erzeugen jedoch häufig nicht das notwendige Licht und sollten ausgetauscht werden. 6. Die Temperatur schwankt in meinen Aquarien im Jahresverlauf zwischen 19 °C und 28 °C. Das ist im Toleranzbereich der Pflanze, aber, wie oben beschrieben, funktioniert beispielsweise die Vermehrung bei höheren Temperaturen im Sommer besser.

Ein Querschnitt der Blüte zeigt die Samen.
Leider gibt es nur noch wenige Aquarianer, die diese wunderschöne und interessante Seerose pflegen und auch vermehren. Sie ist in Vergessenheit geraten, obwohl sie eine Bereicherung für jedes geeignete Aquarium wäre. Der Handel bietet diese tolle Pflanze kaum bis gar nicht an. Eventuell gibt es in versierten Fachgeschäften Rhizome (Knollen) mit ein bis zwei Blättern, aber das sind Glücksfälle. Zugegeben, der Transport ist etwas schwierig, da die Blätter sehr empfindlich sind, aber umso einfacher sind Rhizome im Transport und dann steht der erfolgreichen Pflege dieser schönen, echten Wasserpflanze nichts mehr im Weg.

Mein Becken mit angepasster Beleuchtung, die Barclaya ist ein echter Blickfang.
