Wehrhafte Süßwasserkrabben aus Bolivien

Wehrhafte Süßwasserkrabben aus Bolivien

Beschreibung Titelbild: Ein rotes Weibchen von Dilocarcinus pagei.

Stets vor Ort, aber selten beachtet

Text & Fotos: DANIEL KONN-VETTERLEIN


Sie sind nahezu immer da: Krabben. Jedes Mal, wenn man beim Fischfang in Bolivien einen Stein hochhebt oder einen Baumstamm aus dem Wasser zieht, kann man sie entdecken. Dennoch findet man in populärwissenschaftlicher Literatur nur sehr wenig über sie. Bei unserer Expedition im vergangenen Jahr sind sie wieder mehrfach in unseren Netzen gelandet. Grund genug, sie hier genauer zu präsentieren.


Krabben überall

Egal ob Fließgewässer oder Tümpel am Straßenrand, es gibt gewiss eine Krabbenart, meistens Dilocarcinus pagei. In der Gattung Dilocarcinus wird aktuell zwischen drei Arten unterschieden: D. septemdentatus, die über große Teile des brasilianischen Amazoniens und Französisch-Guyana sowie Surinam verbreitet ist. D. truncatus, die bisher nur von der Typuslokalität nahe der Stadt Riberalta (Pando, Bolivien) beschrieben wurde, und D. pagei, die am weitesten verbreitete Art, die in den Einzugsgebieten des Rio Amazonas, Río Paraguay sowie Río Paraná anzutreffen ist (Magalhães & Türkay, 2008). Das zuletzt genannte Gebiet erschloss sich die Art vermutlich aufgrund von Verschleppung durch den Menschen (Magalhães et al. 2005).

Dunkelbraunes, fast schwarzes Männchen von Dilocarcinus pagei mit vergleichsweise kleinen Scheren für sein Geschlecht.

Pages Krabbe ist ein attraktiver Zehnfußkrebs, dessen Carapax bis zu 45 mm breit werden kann. Insbesondere nach der Häutung ist die Krabbe kräftig rot gefärbt, nur die Mundregion ist etwas dunkler. Die Geschlechter lassen sich einfach anhand des Abdomens differenzieren: Der eingeklappte Schwanz der Weibchen ist rundlicher und etwas größer als der der Männchen, der eine leicht dreieckige Form hat und nach vorne hin spitz ausläuft . Bei beiden Geschlechtern besteht das Pleon aus sechs Somiten, ein Unterschied zu zahlreichen anderen Familien, bei denen die Weibchen mehr Somiten aufweisen. Des Weiteren haben Männchen eine größere rechte Schere. Die der Weibchen unterscheiden sich nicht voneinander und sind beide kleiner als die der Männchen.

oben: Das Pleon der Männchen ist schmal und verjüngt sich spitz zulaufend.
unten: Das der Weibchen hingegen ist breiter und rundlich zulaufend.


eine weitere Krabbenart

Etwas seltener und tendenziell eher in Flüssen anzutreffen ist Trichodactylus sp., eine ebenso hübsche Krabbe, die einen hellen Braunton als Grundfarbe hat und dazu mit einem feinen dunklen Punktmuster aufwarten kann. Die Geschlechtsunterscheidung ist identisch zu D. pagei. Kleinere Individuen beider Arten habe ich, als ich noch in Bolivien lebte, auch im Aquarium gepflegt. Sie gaben sich stets unproblematisch und anspruchslos. Bei guter Fütterung konnte ich nicht einmal beobachten, dass sie einem gesunden Fisch aktiv nachgestellt hätten, heute würde ich sicherheitshalber aber keine Vergesellschaftung mehr wagen, denn 2024 konnte ich beobachten, wie ein ausgewachsenes Männchen von D. pagei einen absolut gesunden und fitten Salmler (Astyanax lacustris) verspeiste, der nur kurzzeitig im gleichen Behälter hätte zwischen gehältert werden sollen.

Wer nachts auf einer Sandbank schläft, wird vermutlich sogar von Krabben überrascht werden.


unerwartet problemlos

Im Artbecken allerdings sind sie ohne viel Aufwand zu pflegen, intraspezifisch kommt es kaum zu Streitigkeiten. Nicht ein einziges Mal musste ich beobachten, dass einem Individuum Beine gefehlt hätten oder es anderweitig verletzt gewesen wäre. Die Ernährung ist denkbar einfach: Die Krabben fressen Futtertabletten wie auch Flockenfutter, sind aber besonders mit toten Schnecken oder Fischen aus ihren Verstecken zu locken. Ein interessantes Verhalten zeigten meine Tiere immer, wenn ich beim Wasserwechsel den Mulm aufwirbelte. Dann wurden sie besonders aktiv und versuchten, feine Nahrungspartikel aus der Mulmwolke herauszufangen. Magenuntersuchungen ergaben, dass in der Natur vor allem Eintagsfl iegenlarven, Mollusken, Käfer, Süßwasserschwämme und Pflanzenteile zur natürlichen Ernährung gehören. Leider wurde auch Kunststoff in untersuchten Mägen gefunden (Barboza et al. 2025). In meinem schwach beleuchteten Becken waren beide Arten sowohl tags als auch nachts aktiv und zeigten keinerlei Scheu vor großen Fischen oder mir selbst, wenn ich vor dem Aquarium werkelte.


Keineswegs wehrlos

Es sind wehrhafte Tiere, die auch außerhalb des Wassers zukneifen und beispielsweise beim Fang und dem Entfernen aus dem Netz einiger Vorsicht bedürfen. Insbesondere die Männchen wehren sich ausgiebig, was ihnen durch die vergrößerten Scheren nicht schwerfällt. Muss man sie umsetzen oder aus einem anderen Grund in die Hand nehmen, packt man sie am besten von hinten, schiebt den Zeigefinger unter das Pleon und legt den Daumen auf den Carapax, um sie sicher festzuhalten. Die Scheren können die Hand so nicht erreichen, und man hat nichts zu befürchten. Fühlen sie sich im Biotop – an Land und im Wasser – bedroht, flüchten sie schnell in ein Versteck. Einige wenige Exemplare vertrauen jedoch auf ihre Stärke und recken die Scheren in die Höhe, um dem Feind so zu signalisieren, dass sie sich wehren werden.

Ein typisches Biotop von Dilocarcinus pagei am Straßenrand.


Haltung im Aquarium

Am besten hält man diese Krabben in einem Artbecken oder wenigstens in einem reinen Krabbenbecken. Zu kleine Fische könnten Beute werden, zu große können den Krabben nach der Häutung Schwierigkeiten bereiten. Diese findet bei adulten D. pagei alle sechs bis acht Wochen statt , bei Jungtieren in der Regel häufiger, da das Wachstum noch schneller ist. Meine Trichodactylus sp. konnte ich leider nicht so lange halten und habe daher keine Häutung mitbekommen. Nach der Häutung verhalten sich die Krabben erwartungsgemäß zurückhaltend, leben ein paar Tage versteckt und kommen auch zur Nahrungsaufnahme seltener aus ihrem Versteck. Als „Butterkrebs“ (aufgrund des sehr weichen Panzers) sind sie auch in einem Artbecken nicht sicher, denn Artgenossen sehen sie dann als Nahrung an. Außerhalb der Häutungszeit zeigten sich beide Arten als recht friedlich untereinander, weshalb ein Standardbecken mit 60 oder 80 cm Kantenlänge für die Pflege von vier bis fünf Tieren ausreicht. Kurz bevor sich die Weibchen häuten, werden sie oft von einem Männchen „erobert“ und kopfüber von diesem herumgetragen, bis die Häutung stattgefunden hat.

Schere eines Männchens am 1. Pereiopoden.


Fortpflanzung im Süßwasser

Die Weibchen sind nur kurz nach der Häutung imstande, sich zu paaren, daher dürfen die Männchen keine Zeit verlieren und gehen auf Nummer sicher, indem sie das Weibchen bereits vor der Häutung für sich beanspruchen. Ein Häutungshormon signalisiert ihnen dabei, dass das Weibchen bald fortpflanzungsbereit ist. Trotz mehrerer Männchen im Aquarium konnte ich nie beobachten, dass versucht wurde, einem anderen Männchen sein Weibchen streitig zu machen, viel mehr ignorieren sich die Krabben gegenseitig, solange es nicht um Futter geht.

Trichodactylus sp. ist eine sehr friedliche und attraktive Art.


Aquarieneinrichtung

Ein Landteil wird für die Pflege nicht zwingend benötigt, aber ab und an doch genutzt. Ich hatte mein Becken so eingerichtet, wie ich das natürliche Habitat vorgefunden habe: Eine zwei Zentimeter dicke Sandschicht, einige Äste und etwas größere Wurzelstücke, die als Verstecke dienten. Die Temperatur regelte sich über die Raumtemperatur und schwankte zwischen 20 und 24 °C. In einigen Biotopen konnte ich im Winter jedoch auch tiefere Temperaturen von 12-15 °C messen, also kann man beide Arten wahrscheinlich auch bei uns ohne zusätzliche Heizung pflegen. Den Versuch ist es auf jeden Fall wert, wenn man denn einmal die seltene Gelegenheit haben sollte, Krabben aus Südamerika zu importieren.

Schwierige Bestimmung

Die Identifizierung meiner Krabben war anfangs kein einfaches Unterfangen. Es gibt nur wenig Literatur, die sich mit den entsprechenden Tieren befasst, sodass nicht alle Zweifel ausgeräumt werden konnten. Dank Oliver Mengedoht und zweier brasilianischer Experten sind die Zugehörigkeiten jedoch relativ sicher.


Literatur
BARBOZA, A. C. G., NOGUEIRA, C. S., BUENO, A. A. P., & JACOBUCCI, G. B. (2025): Natural feeding of the freshwater crab Dilocarcinus pagei Stimpson, 1861 (Decapoda: Trichodactylidae) in the floodplain of the Araguari River, southeastern Brazil. Animal Biology, 75(2), 171-192.

MAGALHÄES, C. & TÜRKAI, M. (2008): Taxonomy of the neotropical freshwater crab family Trichodactylidae IV. The Genera Dilocarcinus and Poppiana (Crustacea: Decapoda: Trichodactylidae). Sencken bergiana biologica, 88, 2, p. 185-215.

MAGALHÄES, C., BUENO, S. L . S., BOND- BUCKUP, G., VALENTI, W. C., MELO DA SILVA, H. L., KIYOHARA, F., MOSSOLIN, E. C., & ROCHA, S. S. (2005): Exotic species of freshwater decapod crustaceans in the state of São Paulo, Brazil: records and possible causes of their introduction – Biodiversity and Conservation, 14: 1929-1945; Dordrecht.