Züchten auf Dänisch

Züchten auf Dänisch

Alte Schule, aber keineswegs überholt

Text & Fotos (falls nicht anders vermerkt): DANIEL KONN-VETTERLEIN
Titelbild: Per Madsbøll


Für die Treffen der IG BSSW (Internationale Gemeinschaft Barben Salmler Schmerlen Welse) in Hamburg überquert er Grenzen, bei den Kieler Aquarienfreunden war er schon mit seinem halben Verein zu Gast und für gute Fische fährt er auch mal 600 km bis Duisburg. Wer macht sowas? Per macht sowas, und das ist noch nicht alles.

In diesem Aquarium werden die Elterntiere gepflegt, bevor sie in die Ansatzbecken kommen.

Per Madsbøll lebt im südlichen Dänemark, auf der Insel Alsen, wo viele Leute ebenso gut Deutsch wie Dänisch sprechen und man sich mit einem „Moin“ ausreichend verständigen kann. Während meines letzten Besuchs bei ihm lag die aquaristik 5/25 auf dem Wohnzimmertisch, denn mit deutschsprachiger Literatur halten Per und seine Frau ihre Sprachkenntnisse auf dem Laufenden und bekommen direkt alles mit, was sich in der deutschen Aquaristik tut. Hauptsächlich war ich für einen Vortrag angereist, aber nichtsdestotrotz wollte ich natürlich auch in Pers Keller schauen. Dort gibt es immer gesunde Nachzuchten teils seltener Arten und den ein oder anderen Fisch zu sehen, den ich ihm selbst einmal besorgt habe. Denn Per nutzt die Nähe zu Deutschland und seine guten Kontakte, um sich Arten zu sichern, die es in Dänemark sonst nicht gibt. Seine Leidenschaft ist das Züchten, im wahrsten Sinne des Wortes und das Vermehren für Börsen im ganzen Land. Im Garten steht dafür ein Börsenregal mit gut einem Dutzend Aquarien, das er nur einladen muss, und im Keller, da sind die Fische für die Börsenbecken.

Er pflegt sowohl die Koi-Schwertträger mit schwarzen, …

… als auch die mit roten Augen.

In den letzten Jahren einer der gefragtesten Salmler ist Thayeria sp. aus dem Rio Teles Pires in Brasilien.

Alle sechs beschriebenen Priapella-Arten sind selten in der Aquaristik zu finden, hier P. compressa.


Der Keller

Endlich geht es die Stufen hinunter und schon hört man es plätschern und blubbern. Das auffälligste Becken ist auch eines der größten. Der Besatz ist bunt gemischt: Koi-Schwertträger (Xiphophorus helleri) in zwei Farb formen, Brombeersalmler (Hyphessobrycon wadai), Rotflossen-Schrägschwimmer (Thayeria sp.), ein paar Panzerwelse und Goldene Ährenfische (Telmatherina bonti). Der Besatz des Beckens wirkt etwas ungewöhnlich, aber die Erklärung ist einfach: Hier werden die Zuchttiere in optimale Verfassung gebracht, um dann in Artbecken angesetzt zu werden. Augenscheinlich sind alle Fische bereit, aber die Becken sind belegt und Per muss genau abwägen, was er wann vermehrt. Etwa 20 Arten pflegt er aktuell in 40 Aquarien. Einige sind noch zu jung für die Vermehrung, andere vermehrt er nur sporadisch, die meisten aber regelmäßig.

Ein Teil der Anlage, alles ist auf Praktikabilität und Effizienz ausgelegt.

Die Zuchtbecken sind Marke Eigenbau, so wie die Einhängekästen, die Höhlen für Harnischwelse, der Artemia-Reaktor und eigentlich alles, was man selbst anfertigen kann. Hier zeigt sich für mich die alte Schule. Per baut für viele Arten besondere Ablaichkonstruktionen, die den geringen verfügbaren Platz ideal ausnutzen und sich am Verhalten der Fische orientieren. Die Weibchen der meisten lebendgebärenden Arten etwa werden in Ablaichkästen aus Glas angesetzt, deren Boden durch zwei pyramidenförmige Erhebungen auffällt.

Der beschriebene Einhängekasten für Lebendgebärende wie Guppys und Schwertträger.

Eine durchgehende Bodenscheibe gibt es nicht, stattdessen fallen die Jungfische durch die drei vergleichsweise breiten Schlitze an den Seiten der „Pyramiden“ in das ansonsten unbesetzte Hauptbecken, wo sie gefahrlos heranwachsen können. Durch die zunehmende Verengung kann das Weibchen sie schon früh nicht mehr erreichen und gleichzeitig kann der Schlitz breiter ausfallen als bei handelsüblichen Modellen, was die Passage einfacher gestaltet.

Hoplisoma gossei, ein Dauerbrenner nicht nur in Dänemark.

Der Gedrungene Blauaugenkärpfling (Priapella compressa) ist einer der Fische, für den Per die insgesamt 1.200 km auf sich genommen hat. Diese Art gibt es in keinem normalen Zoofachgeschäft, nur Spezialisten vermehren und verbreiten sie. Extra für diesen hübschen Kärpfling, dessen Jungfische im Gegensatz zu den vorigen stark oberflächenorientiert sind, baute Per einen Einhängekasten mit einer einzelnen etwas niedrigeren Seitenscheibe, über die die Jungfische mittels der gezielt ausgerichteten Strömung des eingebauten kleinen Lufthebers in Sicherheit gespült werden können. Die Weibchen sind nicht besonders produktiv und fressen ihre Jungfische häufig direkt nach der Geburt, wenn diese sich nicht verstecken oder durch Flucht retten können. So wird ihnen die selbstständige Rettung erfolgreich vereinfacht und diese tolle Art findet weitere Verbreitung.

Eine Seite des alten Klassenraums, hier werden Arten vermehrt, die die Mitglieder gerne haben.

Gleichzeitig dient der Raum dem Austausch und bietet für Treffen eine großartige Atmosphäre.

Einige seiner Becken sind immer Panzerwelsen vorbehalten, so vermehrt er beständig die klassischen Arten wie Marmorpanzerwelse (H. paleatum), und Gosses Panzerwels (H. gossei), aber dieses Mal entdecke ich auch eine Art, die ich nicht erwartet habe: Corydoras areio, der noch ohne deutschen Namen ist. Erst kürzlich hatte ich diesen Wels selbst vor der Kamera, eine seltene Art, die nur noch in Form von Nachzuchten verfügbar ist. Etwa einhundert Jungwelse sitzen vor mir und verstecken sich unter Wurzeln und Schieferplatten, rechts daneben im Becken noch einmal ähnlich viele, aber bereits doppelt so groß. Dieser Panzerwels besticht nicht unbedingt durch Farben oder eine einzigartige Zeichnung, dennoch möchte Per es mit ihnen auf der Messe in Viborg versuchen, der zweitgrößten Veranstaltung dieser Art in Dänemark.

Corydoras areio ist etwas ganz Besonderes, Pers Elterntiere stammen vom deutschen Züchter Viktor Teroerde, der die Art als Erster vermehren konnte.


Noch eine alte Schule

Auch außerhalb seines Kellers ist Per aktiv. Für seinen Verein, die Alssund Akvarieforening
(Alssunder Aquarianervereinigung), organisiert er nicht nur Referenten, sondern hilft auch bei der Unterhaltung der vereinseigenen Aquarienanlage. Wie früher auch bei uns meist üblich, hat sein Verein eine eigene Anlage für die Vermehrung ausgesuchter Arten und die Pflege abgegebener Fische. Von der Gemeinde wurde vor einigen Jahren eine alte Schule in Teilen an lokale Vereine abgetreten, die sich dort nun kostenfrei und nach Belieben treffen können. Der Aquarienverein bekam zwei große ehemalige Klassenräume zugeteilt. In einem lagern überschüssige Ausrüstung, Börsenbecken, Filter und alles, was sich bei Aquarianern so ansammelt.

Auch Höhlen und Unterschlüpfe baut Per in Eigenregie, einfach und effektiv, wie diese Laichhöhle für verschiedene Zwergbuntbarsche.

Im zweiten Raum stehen die Aquarien mit Fischen, einem Kühlschrank und Sitzgelegenheiten: der Treffpunkt der Mitglieder zum Fachsimpeln und zur gemeinsamen Pflege der Fische. Hier endet auch dieser Ausflug nach Dänemark zu später Stunde, mit neuen Eindrücken und einigen neuen Fischen aus Pers Keller.