Ein virtueller Fischkellerbesuch im frühen Web
Zu den gängigen Annahmen über das frühe Web zählt, dass es sehr textlastig war und Fotos nur vereinzelt Platz fanden. Wenn, dann wurden Fotos meist nur als „Thumbnails“ in Webseiten eingebunden, also als verkleinerte Vorschaubilder, die angeklickt werden konnten, um in einem neuen Browserfenster das ganze Foto zu laden. Der Grund dafür, dass Fotos damals so selten als Elemente in Webseiten eingebunden wurden, ist ein pragmatischer: Fotos in hoher Auflösung zu laden war zeit- und datenaufwendig. In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren war die Zeit im Web in den meisten privaten Haushalten noch knapp bemessen, es herrschte Kostendruck und oft auch Konkurrenz um die Festnetzanschlüsse. Auf Webseiten verzichtete man daher zumeist auf Elemente, die lange Zeit zum Laden brauchten. Und das Laden von großen Bilddateien dauerte im Vergleich zu heute wesentlich länger, denn die Internetverbindungen waren bedeutend langsamer. Die technischen Gegebenheiten erforderten es also, Fotos auf damaligen Webseiten möglichst sparsam einzubinden. Für die Aquaristik spielten Fotos jedoch auch damals eine große Rolle. Das frühe Aquaristikweb stand also vor einer besonderen Herausforderung: Wie viele Fotos konnte man den Besuchern der eigenen Website zumuten, ohne sie zu vergraulen?
Ein besonders kreativer Umgang mit dieser Herausforderung gelang der Webseite Fischkeller.de. Wie der Name schon sagt, hier ging es vor allem um den privaten Fischkeller des Betreibers. „Ich lade Sie ein, zu einem virtuellen Rundgang durch meinen Fischkeller“ lautete das Versprechen an die Besucher. Und tatsächlich, per Mausklick konnte man einen virtuellen Rundgang durch die einzelnen Zimmer des Wohnhauses machen. Der Startpunkt dieses Rundgangs befand sich „zwischen Erdgeschoß und Keller“, und dort konnte man auch gleich das erste Aquarium anklicken – das mit Tropheus moorii var. „red rainbow“ besetzt war. Ein Foto der Fische in ihrem Aquarium und weitere Informationen über diese Fischart, wie ihre Ernährung und ihr Verhalten, belohnten den Besucher auf seinem virtuellen Rundgang. Im Aquarium gegenüber befanden sich
Dimidiochromis compressiceps, auch diese Fische wurden mit Fotos (von Männchen und Weibchen) sowie Informationen zu Länge, Nahrung und Verhalten vorgestellt. Auf diese Weise konnte man sich neugierig von Raum zu Raum, Becken zu Becken, Fischart zu Fischart klicken. Umgesetzt wurde dieser Rundgang mit einfachen technischen Mitteln, es mussten keine Programme installiert und keine übermäßig großen Bilddateien geladen werden.
Ich habe ähnliche virtuelle Rundgänge zur damaligen Zeit auf professionellen Webseiten gesehen, beispielsweise bei universitären Laboratorien. Für eine private Hobbyseite muss man den Fischkeller als besonders einfallsreich hervorheben, und für den kreativen Umgang mit den technischen Beschränkungen der damaligen Zeit ausdrücklich loben!

Der virtuelle Rundgang auf Fischkeller.de in der Version von Juli 1999 (archiviert 2001 vom
Internet Archive): https://web.archive.org/web/20011203220325/http://fischkeller.de/
