Ullis Szeneblick aus caridina 4/2025

Ullis Szeneblick aus caridina 4/2025

Unsere Kolumnistin Ulli Bauer erzählt aus dem ganz alltäglichen Wahnsinn einer Garnelenverrückten, die sich im Online-Universum bewegt.


Steile Theorien aus der Aquaristik ... heute: Aquarienschnecken!

Wir sehen eine Turmdeckelschnecke mit korrodierter Spitze. Der sogenannte Apex ist als ältester Teil am längsten allen möglichen mechanischen und chemischen Belastungen ausgesetzt, die das Periostracum, also die Deckschicht aus Komplexproteinen, unweigerlich schädigen, sodass das weiße Kalkskelett des Schneckenhauses sichtbar wird. Das ist nicht weiter tragisch: Die ältesten Windungen bewohnt die Schnecke ohnehin schon seit längerer Zeit nicht mehr. Selbst wenn der Apex abbricht und ein Loch hinterlässt, wird an der Stelle einfach zum Abdichten von innen Kalk angelagert, fertig. Soweit, so normal. In einer der Gruppen auf Social Media hatte ein User neulich aber eine vollkommen andere Idee: „Ich denke, dass die ihre Tarnung umstellt. Von dunklem Boden zu hellem Boden.“ Da hatte die Schnecke wohl ihr inneres Chamäleon gechannelt!

Das Periostracum wird unten am Mantelsaum rund um die Gehäuseöffnung gebildet, also nur am Neuzuwachs. Die Komplexproteinschicht lässt sich stärken und widerstandsfähiger machen, indem die Schnecke nicht rein pflanzlich ernährt wird, sondern einen gewissen Anteil Eiweiß in ihrem Futter erhält. Da springt leider der oft gehörte gut gemeinte Rat, einer Schnecke Kalk zuzufüttern, damit das Gehäuse nicht korrodiert, schlicht zu kurz. Die Schutzschicht besteht ja gar nicht aus Kalk! Ist das Gehäuse bereits geschädigt, lässt die Farbe nach oder sieht man das weiße Kalkskelett des Schneckenhauses durch, ist der Tipp mit dem Kalzium bei bereits bestehender Korrosion dagegen ein guter – die Schnecke kann durch das Anlagern von Kalk an der Innenseite verhindern, dass das Gehäuse sich ganz auflöst und aufbricht, wenn die Schutzschicht weg ist.

(Foto: Oliver Mengedoht)

Im nächsten Post sehen wir eine Schnecke ohne Gehäuse ... ein trauriger Anblick, der von einigen Ahnungslosen erstmal mit „Haha, die macht wohl Striptease“ oder „Guck, eine Nacktschnecke“ kommentiert wird. Dann gehen die Theorien los, wie das wohl passiert sein könnte. Hat sich das Schneckenhaus durch einen besonders niedrigen pH-Wert einfach aufgelöst? Aber warum sehen dann die anderen Schnecken normal aus? Oder hat jemand das Schneckenhaus geknackt und die Schale gefuttert, die Schnecke selbst aber laufen lassen? Welcher Besatz ist denn im Aquarium? Aber nein, es findet sich ein leeres Schneckenhaus am Boden, ungefähr dort, wo das arme Tier an der Scheibe sitzt. Nun kommt der gut gemeinte Tipp, das leere Häuschen neben die Schnecke zu legen, die zieht da wieder ein!

Leider hilft das in dem Fall nicht mehr. Reißt der Spindelmuskel, der das Gehäuse mit dem Schneckenkörper verbindet, ist es vorbei ... die Schnecke verliert ihr Haus, und sie geht unweigerlich ein, weil die inneren Organe nicht mehr geschützt und gestützt werden. Dass der Muskel reißt, kann verschiedene Gründe haben, zum Beispiel Bakterienbefall oder eine starke mechanische Einwirkung wie einen Sturz oder Abziehen der Schnecke von der Aquarienscheibe. 

Deshalb ziehen wir unsere Aquarienschnecken niemals senkrecht von der Scheibe ab, sondern schieben sie vorsichtig entlang des Untergrundes, bis sie von selbst loslassen. Dann passiert dem Spindelmuskel nichts.

Ach ja, und niemals werde ich die Apfelschnecke vergessen, die sich laut Angaben ihres Besitzers von oben von der Aquarienscheibe auf Garnelen stürzte, um die dann aufzufressen ... eine Beobachtung, die nie verifiziert werden konnte und die vermutlich einfach ins Reich der Märchen und Sagen gehört.

 

Ulli Bauer - Caridina

Eure Ulli Bauer

 

Ein Beitrag aus der

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